Klimatrauer: Das Gefühl, das wir kaum benennen können und warum es so wichtig ist

Hast du dich schon einmal dabei ertappt, wie du beim Anblick eines verbrannten Waldes oder beim Lesen einer Nachricht über ausgestorbene Tierarten kurz innehältst und dann schnell weiterscrollst? Als wäre die Nachricht einfach zu groß, um sie wirklich an dich heranzulassen?

Dann kennst du vielleicht bereits das Phänomen, mit dem sich Susan Bailey und Nicholas Gerrish in ihrer aktuellen Studie befassen: ökologische Trauer – oder auf Englisch: ecological grief.


Was ist Klimatrauer eigentlich?

Klimatrauer beschreibt den Schmerz, den wir empfinden, wenn wir Ökosysteme, Tierarten oder vertraute Landschaften verlieren oder wenn wir ahnen, dass wir sie verlieren werden. Die australischen Forschenden definieren es als „die Trauer, die im Zusammenhang mit erlebten oder antizipierten ökologischen Verlusten entsteht.“

Das Interessante an dieser Studie: Die Autorin und der Autor gehen weit über eine bloße Bestandsaufnahme hinaus. Sie unterscheiden zwei grundlegende Formen der Klimatrauer, und diese Unterscheidung ist erhellend.

Erstens: beispiellose Trauer (unprecedented grief) – das ist der Schmerz über das, was bereits verloren gegangen ist: sterbende Korallenriffe, brennende Wälder, schwindende Gletscher. Diese Trauer ist komplex, weil sie existenziell ist. Es geht nicht um den Tod eines einzelnen Menschen, sondern möglicherweise um das Ende einer Welt, wie wir sie kennen.

Zweitens: nicht anerkannte Trauer (unacknowledged grief) – und das ist der Teil, den viele von uns noch weniger auf dem Schirm haben. Diese Trauer entsteht bei der Vorstellung, dass wir unsere gewohnten Lebensweisen verändern müssen. Das Flugreisen. Das Autofahren. Der Fleischkonsum. Wenn diese Dinge in Frage gestellt werden, verlieren wir nicht nur Gewohnheiten – wir verlieren ein Stück unserer Identität, unserer Sicherheit, unserer Welterklärung.


Warum leugnen wir und was hat das mit Trauer zu tun?

Hier liegt einer der wertvollsten Gedanken der Studie: Klimaleugnung ist oft kein Zeichen von Gleichgültigkeit, sondern von überwältigender Trauer.

Preston (2013), auf den die Autoren verweisen, bringt es auf den Punkt: Die Schwierigkeit, auf die Klimakrise zu reagieren, kommt vielleicht nicht daher, dass wir zu wenig fühlen, sondern zu viel. Die Ohnmacht, die Scham, die Schuld. Das Wissen, dass wir Teil eines Systems sind, das diese Zerstörung verursacht. Das ist schwer auszuhalten.

Und so schauen wir weg. Scrollen weiter. Verdrängen.

Die Studie ordnet das sehr klug ein: Verleugnung ist dann keine moralische Schwäche, sondern ein verständlicher psychologischer Schutzmechanismus. Das ändert nichts daran, dass wir aus ihr herausfinden müssen, aber es verändert, wie wir miteinander darüber reden sollten.


Was die Forschung empfiehlt und was das für uns bedeutet

Bailey und Gerrish schlagen einen sogenannten „Dualen Ansatz“ vor, der sich am Dualen Prozessmodell der Trauerbewältigung orientiert. Das Modell kennt zwei Bewegungen: In die Trauer hineingehen (sie anerkennen, fühlen, betrauern) und sich gleichzeitig neu orientieren (Handlungsmöglichkeiten finden, neue Wege erproben).

Kein Entweder-oder. Beides ist notwendig.

Konkret haben die Forschenden zum Beispiel einen Gemeinschaftsgarten aufgebaut – einen Ort, wo Menschen neue Fähigkeiten erlernen, sich gegenseitig unterstützen und alternative Lebensweisen im Kleinen erproben können. Das klingt nach wenig. Und ist doch erstaunlich viel.


Fünf Impulse für deinen Alltag

Die Theorie ist wichtig, aber was kannst du damit anfangen? Hier sind fünf konkrete Gedanken, die sich aus der Studie ableiten lassen:

1. Benenn, was du fühlst. Wenn du beim Thema Klimawandel Trauer, Wut, Angst oder Taubheit spürst – das ist normal. Es hat einen Namen: Klimatrauer. Gefühle, die wir benennen können, haben weniger Macht über uns.

2. Such dir Gemeinschaft. Klimatrauer ist schwerer allein zu tragen als in Gemeinschaft. Find Gleichgesinnte; ob in einer lokalen Initiative, einem Gesprächskreis oder einer Online-Gruppe. Das Teilen von Gefühlen schafft Resilienz.

3. Erlaub dir zu trauern – ohne dabei zu versinken. Es braucht beides: den Schmerz anerkennen und handlungsfähig bleiben. Wer die Trauer dauerhaft verdrängt, verliert oft auch die Motivation. Wer dauerhaft nur trauert, verliert die Kraft. Pendle zwischen beidem.

4. Hinterfrage deine Verlustangst mit Neugier. Was genau macht dir Angst zu verlieren, wenn du deinen Lebensstil veränderst? Komfort? Zugehörigkeit? Gewissheit? Diese Fragen ehrlich anzuschauen – ohne dich selbst zu verurteilen – ist der erste Schritt zur Veränderung.

5. Fang klein und lokal an. Gemeinschaftsgärten, Repair Cafés, Foodsharing-Initiativen, Nachbarschaftsprojekte – diese Orte sind nicht nur ökologisch sinnvoll. Sie sind auch Räume, in denen eine neue Art des Miteinanders geübt werden kann.


Eine kritische Einordnung

Die Studie ist mutig und berührend auch weil die Autorin persönliche Trauer in Form eines Gedichts einbringt und damit vorlebt, was sie theoretisch fordert: Verluste benennen, statt sie zu umgehen.

Allerdings lohnt es sich, einen Gedanken weiterzudenken: Der individuelle und gemeinschaftliche Ansatz ist wertvoll, darf aber nicht dazu führen, die politische und strukturelle Dimension aus dem Blick zu verlieren. Klimatrauer ist keine Privatangelegenheit. Sie ist auch eine gesellschaftliche und politische Herausforderung. Wer nur an der eigenen Resilienz arbeitet, ohne die Systeme zu hinterfragen, die den Schaden verursachen, kuriert Symptome.

Beides braucht es: das innere Bearbeiten und das äußere Handeln.


Fazit: Das Schweigen brechen

Die vielleicht wichtigste Botschaft der Studie ist diese: Klimatrauer darf sichtbar sein. Sie ist kein Zeichen von Schwäche, keine überemotionale Reaktion. Sie ist eine zutiefst menschliche Antwort auf echte Verluste.

Wenn wir aufhören, sie zu verstecken – in uns selbst und füreinander – dann entsteht vielleicht der Raum, in dem echter Wandel möglich wird.

Der Gletscher auf Island, dessen Verlust mit einer Plakette betrauert wird, hinterlässt eine schlichte, bewegende Frage: „Nur du weißt, ob wir das Richtige getan haben.“

Diese Frage gehört uns allen.


Quellen: Bailey, S. & Gerrish, N. (2025). Ecological grief: how can we bear this together? Critical and Radical Social Work, 13(3): 348–369.

Preston (2013), Mourning for the Earth. To confront climate change, we may need to first deal with our grief, Sojourners, August 20-24.